Der kleine, beschauliche Ort Langmusi wird fuer uns am naechsten Tag zum Alptraum. Morgens um 6 Uhr werden wir durch lautes Gejohle aus dem Schlaf gerissen. Bei einem Blick aus dem Fenster unseres Guesthouse sehen wir, dass sich auf der Strasse ca 150-200 tibetische Maenner und ein paar Moenche versammelt haben, die mit Steinen, Schaufeln und Spiesen bewaffnet auf das Guesthouse gegenueber einschlagen. Holzbretter die nachts vor die Fenster geschoben werden, werden klein geschlagen und Steine durch die Fenster geworfen. Im ersten Moment denken wir, dass es sich um einen Streit mit dem Besitzer handelt, aber nach einem kurzen, ruhigen Moment faellt der wuetende Mob auch ueber unser Guesthouse und die anderen in der Strasse her. Durch unser anderes Fenster, welches in den Innenhof fuehrt, sehen wir wie der Hotelbesitzer uebers Dach flieht. Angst steht in seinem Gesicht geschrieben. Wir wissen nicht was wir tun sollen und versuchen erstmal uns durch unsere Bettdecken zu schuetzen. Kurz danach fliegen die ersten Steine durch unser Fenster. Gluecklicherweise sammelt sich die Meute zwischendurch immer wieder und wird durch die Moenche neu angestachelt. In einem dieser Momente eilt der Hotelbesitzer zu uns und bedeutet uns so schnell wie moeglich ueber den Hinterhof das Hotel zu verlassen. Wir fliehen erstmal in die nahegelegenen Huegel, in der Hoffnung von dort zu sehen wenn sich die Lage beruhigt bzw. wenn Polizei anrueckt. Zu dem Zeitpunkt wissen wir nicht weshalb die Menschen so wuetend sind bzw wissen nicht ob es sich gegen Touristen, Chinesen, Hotelbesitzer und sonst irgendwen/-was richtet. Nach ca. 3 Stunden sehen wir einige Polizei-Autos und fragen die Polizisten ob es sicher ist zurueck zu gehen. Die sagen uns, dass wir zwar zurueck in die Stadt koennen aber auf gar keinen Fall zurueck zum Hotel. Wir lassen uns also an einem anderen Hotel, welches nicht betroffen war, nieder und eine Chinesin versucht uns zu erklaeren weshalb das alles passiert ist. Das Ganze ist ziemlich konfus und wir haben nur die Haelfte verstanden. In Langmusi gibt es 2 Kloester, eines gehoert zur Gansu Provinz, das andere zur Sichuan-Provinz. Die Strasse in der unser Hotel stand ist genau die Provinzgrenze, d.h. die Haelfte der Strasse gehoert zu Gansu, die andere zu Sichuan. Gansu will die Strasse ausbauen (bisher ist sie nicht geteert), dazu muesste sie aber verbreitert werden. Die Haeuser dort gehoeren aber Hui-Leuten, die ihre Haeuser nicht aufgeben wollen. Zusaetzlich stehen die beiden Kloester im Streit zueinander und es gibt einen “heiligen” Steinhaufen, der frueher zu dem einen Kloester gehoert hat und jetzt im Hof eines Hui-Hauses steht. Irgendwie sind deshalb alle dort verfeindet und verfolgen verschiedene Interessen. Der Streit geht anscheinend schon seit 3 Jahren und eskaliert immer wieder. Da es nur um diese eine Strasse ging hat sich der ganze “Krieg” nur auf ca 150m Strasse abgespielt. Nur waren das leider die 150m in denen unser Guesthouse stand.
Nach ein paar Minuten in dem Hotel kommt ploetzlich unser Hotelmanager angerannt und sagt, dass er und Stepan jetzt unsere Sachen dort rausholen gehen. Es ist zwar noch nicht ganz sicher, aber es wimmelt mittlerweile von Polizei und ein paar Militaers sind auch schon angerueckt. Unsere Sachen und Raeder waren alle in Ordnung, bis auf tausender Glassplitter die sich jetzt darin befinden. Auf unseren Betten lagen jede Menge Backsteine und Glasscherben und wir sind heilfroh rechtzeitig aus dem Zimmer geflohen zu sein. Die Strasse gleicht einem Schlachtfeld und immer noch stehen Hui-Leute sowie Tibeter bewaffnet herum. Die Haeuserfronten der Hotels sind total zerstoert und sogut wie kein Fenster ist heil geblieben.
Wir bleiben also keinen Tag laenger, versuchen die Glassplitter zu entfernen und verlassen Langmusi. Auf dem Weg Richtung Chengdu begegnen uns einige Militaerfahrzeuge, die mit vollbewaffneten Soldaten beladen sind. Sie fahren in hohem Tempo Richtung Langmusi.
Mittlerweile treffen wir auf Touristen, die versuchen nach Langmusi zu kommen, aber der Ort ist gesperrt. Informationen dringen nicht nach aussen und Homepages die vorher noch sichtbar waren sind jetzt gesperrt. Wer weiss, vielleicht wird unsere Seite jetzt auch in China gesperrt werden.
Im Nachhinein betrachtet waren wir wahrscheinlich in keiner grossen Gefahr, aber in dem Moment hatten wir zum ersten Mal richtig Angst um unser Leben bzw. verletzt zu werden. Wir sehnen uns deshalb nach ein bisschen Langeweile fuer die naechsten Tage.

Mittlerweile sind wir in Chengdu angekommen. Nachdem wir unser Visum in Songpan nicht verlaengern konnten (angeblich gibt es gerade kein Papier zum Drucken!) blieb uns nichts anders uebrig als die letzten 350 km mit dem Bus zurueck zu legen um in Chengdu unser Visum verlaengern zu lassen. Von anderen Reisenden haben wir mittlerweile erfahren, dass saemtliche kleinere Ortschaften im Moment keine Visumsverlaengerungen machen koennen. Die Gruende sind jedesmal anders, aber jedesmal gleich unglaubwuerdig. Jetzt sitzen wir fuer eine Woche in Chengdu fest, da wir unseren Pass einreichen mussten und erst in 7 Tagen wiederbekommen. Die 7 Tage werden uns dann auch noch vom Visum abgezogen, so dass uns nur noch 23 Tage bleiben um China zu verlassen. Naja, immerhin werden wir sehr ausgeruht sein wenn wir von Chengdu aus wieder in Richtung tibetisches Hochplateau fahren.

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Comments

07/16/2010 01:34

Stepan, ich habe mir viel unter eurer Auszeit vorgestellt, muss aber gestehen, dass ich DAS nicht erwartet hätte.
In mir steigt Respekt und etwas Neid auf und ich freue mich auf weitere Berichte.

Weiter so!

Gruß
Marco

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